Essen wird jetzt Fast-Track-City
Essen wird jetzt Fast-Track City
Ein Netzwerk, ein Ziel – und Essen mittendrin
Gute Nachrichten aus dem Ruhrgebiet: Essen wird sich offiziell der internationalen Fast-Track Cities-Initiative (FTC) anschließen – einem weltweiten Netzwerk von über 500 Städten, dass sich das Ende der HIV/Aids-Pandemie bis 2030 auf die Fahnen geschrieben hat. Der Stadtrat hat das Konzept beschlossen. Essen ist dabei. Und das ist mehr als ein formaler Akt.
Was sind Fast-Track Cities überhaupt?
Die Initiative wurde 2014 in Paris gegründet – gemeinsam von der UN, UNAIDS und der International Association of Providers of AIDS Care (IAPAC). Städte, die beitreten, unterzeichnen die sogenannte Pariser Deklaration und verpflichten sich damit zu konkreten Maßnahmen: frühzeitige Diagnose, bessere Versorgung, wirksame Prävention – und null Diskriminierung. In Deutschland sind bereits Berlin, Bochum, Frankfurt, München, Köln und Aachen dabei. Jetzt ist Essen Teil dieser Bewegung.
Warum Essen – und warum jetzt?
Die Zahlen des Robert Koch-Instituts sprechen eine klare Sprache: 2024 haben sich rund 2.300 Menschen in Deutschland neu mit HIV infiziert – etwa 200 mehr als im Vorjahr. Gleichzeitig werden fast 33 % der Diagnosen hierzulande erst bei fortgeschrittenem Immundefekt gestellt. Nicht weil die Medizin versagt, sondern weil viele Menschen aus Angst vor Stigmatisierung zu lange warten, bevor sie sich testen lassen. Genau hier setzt FTC an. Essen bringt dabei starke Voraussetzungen mit: eine gewachsene Netzwerkstruktur aus Gesundheitsamt, dem Universitätsklinikum Essen mit der HIV-Ambulanz (HPSTD), der Aidshilfe Essen e.V., der Schleife – Fachstelle für HIV und STI der Caritas und weiteren Trägern. Einiges davon gilt NRW-weit bereits als Best-Practice. Der FTC-Beitritt bündelt all das, macht es sichtbarer – und setzt neue Impulse.
Vier Felder, ein Ziel
Das vom Gesundheitsamt erarbeitete und vom Stadtrat beschlossene Konzept gliedert die Arbeit in vier Handlungsfelder: Diagnostik: Mehr und niedrigschwelligere Testangebote – anonym, kostenlos, aufsuchend. Besonders für Menschen, die bisher kaum erreicht werden: Sexarbeitende, substanzkonsumierende Menschen, Migrant*innen, Menschen in Haft. Denn nur wer weiß, dass er positiv ist, kann behandelt werden – und auch andere schützen. Medizinische Versorgung: Bessere Vernetzung zwischen Testangeboten und fachärztlicher Behandlung. Wer eine Diagnose bekommt, soll nicht allein gelassen werden – sondern direkt und verlässlich weiterkommen. Prävention: Von Safer-Sex-Aufklärung über PrEP bis hin zu Schulungen für Lehrkräfte, Fachkräfte der Jugendarbeit und Szene-Multiplikator:innen. HIV-Prävention ist Sexualpädagogik – und die gehört in Schulen, Jugendzentren und queere Räume. Antidiskriminierung: Das vielleicht wichtigste Feld. Laut der Studie „Positive Stimmen 2.0" ist heute nicht mehr das Virus selbst die größte Belastung für Menschen mit HIV – sondern Stigmatisierung und Ausgrenzung. Sensibilisierung im Gesundheitswesen, in der Pflege, in der Stadtgesellschaft – das ist kein nettes Extra, sondern Grundvoraussetzung. Wie sind vob Anfang an Teil des Initiativkreises und hat aktiv an der Entwicklung des Konzepts mitgewirkt. Unsere Geschäftsführerin Daniela Flötgen bringt ihre Freude darüber klar zum Ausdruck: „Wir sind begeistert, dass der Stadtrat den Weg frei gemacht hat. Jetzt geht es darum, gemeinsam wirklich etwas zu bewegen – für alle Menschen in Essen, die mit HIV leben oder HIV-positiv sein könnten. Fast-Track City bedeutet für uns: mehr Reichweite, mehr Vernetzung und vor allem mehr Möglichkeiten, Menschen zu erreichen, die bisher durch alle Raster gefallen sind." Beratung, aufsuchende Arbeit, Community-Nähe – das ist nicht neu für die AHE. Neu ist der verbindliche Rahmen, der jetzt entsteht: mit einem eigenen Arbeitskreis „FTC Essen", der nach einem geplanten Fachtag für Fachkräfte – der Auftaktveranstaltung – ins Leben gerufen wird.
Ein Zeichen mit Gewicht
In Zeiten, in denen queere Strukturen andernorts abgebaut werden – man denke nur an das Aus für „Queer im Alter" in Düsseldorf – setzt Essen mit der FTC-Mitgliedschaft ein klares Gegenzeichen. Eine Stadt, die sich offiziell verpflichtet, HIV-Infektionen zu reduzieren, Diskriminierung zu bekämpfen und vulnerable Communities besser zu erreichen. Essen ist eine Stadt mit Haltung.